Die Geschichte des Kreuz- und Mariengartens Schaag

Der Kreuz- und Mariengarten Schaag in Nettetal ist ein Ort mit bewegter Geschichte – ein Ort, der aus den Trümmern des Krieges entstanden ist und bis heute für Frieden, Gedenken und Gemeinschaft steht.Der Kreuz- und Mariengarten Schaag in Nettetal ist ein Ort mit bewegter Geschichte – ein Ort, der aus den Trümmern des Krieges entstanden ist und bis heute für Frieden, Gedenken und Gemeinschaft steht.

Ursprung im Westwall – vom Bunker zum Ort des Friedens

Der Ursprung des heutigen Kreuzgartens liegt in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Auf dem Gelände befand sich ein gesprengter Westwall-Bunker, Teil einer rund 630 Kilometer langen Verteidigungslinie, die entlang der damaligen Westgrenze des Deutschen Reichs errichtet worden war – von Kleve bis zur Schweizer Grenze. Als Startschuss für die Errichtung gilt der Befehl Adolf Hitlers im Mai 1938 zum „Ausbau einer Verteidigungsfront“ im Westen. Die Planung sowie der Bau vereinzelter Anlagen, beispielsweise im Ruhrgebiet, nahm bereits zwei Jahre zuvor ihren Anfang.

Im Januar 1949 entdeckte der im Ruhestand lebende Pfarrer Peter Schallenberg die Reste dieses Bunkers. Statt sie als Sinnbild der Zerstörung zu sehen, hatte er eine andere Vision: Er wollte aus dem Ort ein Symbol der Versöhnung und des Glaubens machen – einen Platz des Innehaltens, Erinnerns und Hoffens.

Die Idee fand rasch Unterstützung in der Schaager Bevölkerung. Gemeinsam legten sie Wege an, stellten provisorische Holzkreuze auf und begannen, den Grundstein für einen Kreuzweg zu legen.

1949 – Das Kreuz und die ersten Stationen

Bereits am Karfreitag 1949 wurde das erste Symbol des neuen Gartens eingeweiht: Es war sieben Meter hoch und trug die Inschrift „CREDO“ – Ich glaube und wurde direkt auf den Resten des gesprengten Bunkers errichtet.

Historische Aufnahme Kreuz

In den folgenden Monaten entstanden die vierzehn Kreuzwegstationen, erbaut aus Basaltsteinen, die ebenfalls aus den Trümmern des Bunkers stammten. Jede Station wurde von Schaager Familien, Nachbarschaften oder Vereinen übernommen – ein eindrucksvolles Zeichen für den Gemeinschaftssinn des Ortes.

Die Kreuzwegstationen zeigen den schweren Weg Jesu von der Verurteilung bis zur Grablegung nach der Kreuzigung. Die künstlerische Gestaltung übernahm der Hinsbecker Künstler Johannes Beeck, der die Stationen in Sgraffito-Technik (Putzkratztechnik) schuf.

Am 1. Oktober 1951 wurde der Kreuzgarten feierlich vom Aachener Weihbischof Prof. Dr. Friedrich Hünermann geweiht.

Das Ehrenmal – Gedenken an die Schaager Kriegsopfer

Im Zentrum der Anlage errichteten die Schaager zudem ein Ehrenmal für die Opfer des Zweiten Weltkriegs. Es trägt die Namen aller Bürgerinnen und Bürger aus Schaag, die zwischen 1933 und 1945 gefallen oder vermisst sind. Im Verlauf der nächsten Monate wurden die Kreuzwegstationen gebaut. Um die Errichtung der Stationen kümmerten sich jeweils Gemeinschaften oder Familien aus dem Ort. Überliefert ist diese Zuordnung:

  1. Station: Kolpingfamilie
  2. Station: Kindt
  3. Station: Rietherstraße, Kindterstraße
  4. Station: Rieth
  5. Station: Bruckrath
  6. Station: Ortsmitte Schaag
  7. Station: Bullen (heute „Am Kreuzgarten”)
  8. Station: Furth
  9. Station: Pieper, Pasch
  10. Station: Speck
  11. Station: Breyellerstraße
  12. Station: Boisheimerstraße, Markt
  13. Station: Rahe
  14. Station (Altar): Gemeinschaftsarbeit

In einer Zeit, in der das öffentliche Gedenken an die Opfer des Krieges in Deutschland noch selten war, setzte der Kreuzgarten ein besonderes Zeichen: Er wurde zu einem Ort des Mitgefühls und der Erinnerung, an dem die Dorfgemeinschaft ihr Leid, ihre Hoffnung und ihren Glauben ausdrücken konnte.

Historische Aufnhame Ehrenmal

Kunst und Symbolik – Glaube in Stein und Farbe

Doch noch weitere Kunstwerke finden sich heute im Kreuzgarten: Dazu zählen die Ölberg-Grotte und ein Christus-Mosaik, deren genaue Entstehungszeit nicht überliefert ist. Die Ölberg-Grotte stellt den betenden Jesus mit zwei Jüngern im Garten Gethsemane dar.

Ebenfalls erhalten, ist eine hohe weiße Christusfigur, hinter der sich eine besondere Geschichte entdecken lässt: Ein Bauer aus Schaag soll während des Zweiten Weltkriegs bei Krefeld unter Beschuss geraten sein und hinter dieser Statue Schutz gefunden haben. Er blieb unverletzt, doch der Statue wurde die rechte Hand abgeschossen. Aus Dankbarkeit schenkte er sie nach dem Krieg dem Kreuzgarten – als Zeichen des Schutzes und des Glaubens. Noch heute erkennt man, wo die Hand der Statue beschädigt wurde.

Der Mariengarten – Ein Garten der Hoffnung

Direkt an den Kreuzgarten anschließend begann 1951 der Bau des Mariengartens Schaag, der das Leben und Leiden Marias in sieben Stationen darstellt – die sogenannten „Sieben Schmerzen Mariens“. Jede dieser Stationen zeigt ein Relief aus gebranntem Ton. Diese Reliefs stammen von dem Bildhauer Jupp Siemes aus Kapellen bei Geldern.

1958 wurde die Anlage um eine beeindruckende sechs Meter hohe Schutzmantelmadonna erweitert, geschaffen vom Künstler Peter Bahn aus Höhr-Grenzhausen. Die Statue trägt die Inschrift:

„Die Mutter ist da. Sie wartet auf dich.“

Bis heute prägt sie das Bild des Mariengartens und gilt als Sinnbild für Trost, Schutz und Geborgenheit.

Historische Filmaufnahmen vom Schaager Schützenfest im Jahr 1959 zeigen auch Aufnahmen einer Messe im Kreuzgarten.

Verfall, Engagement und Wiederaufbau

In den 1970er-Jahren zeigten die Gärten deutliche Verfallserscheinungen. Dank einer Spendensammlung und der Unterstützung der Stadt Nettetal konnte eine umfassende Restaurierung begonnen werden.

1972 wurde zunächst der Altar erneuert, 1973 ersetzte die Aachener Bildhauerin Erika Vonhoff die stark beschädigten Sgraffito-Bilder durch Reliefs im Steingussverfahren.

Zwei Originale von Johannes Beeck sind jedoch bis heute erhalten: eines in der Ölberg-Grotte und eines unter dem Altar.

1978 – Zweite Bunkersprengung und Neubeginn

1978 wurde der verbliebene Bunkerrest erneut gesprengt, nachdem er zur Gefahr für Besucher geworden war. Bei dieser Sprengung wurde auch der neu errichtete Altar zerstört. Doch die Schaager gaben nicht auf: Bereits 1980 wurde ein neuer Altar aufgebaut – finanziert durch Spenden und mit Unterstützung des Kulturausschusses der Stadt Nettetal.

Neuer Glanz durch neue Generationen

Über Jahrzehnte blieb der Kreuz- und Mariengarten ein fester Bestandteil des Ortslebens. Als sich der Zustand der Anlage zunehmend verschlechterte, bildete sich 2017 eine neue Gruppe engagierter Bürgerinnen und Bürger, die den Kreuzgartenverein Schaag e. V. wiederbelebte und die Instandsetzung und Pflege wieder aufnahm.

Heute – Ein lebendiger Ort der Erinnerung und Begegnung

Heute sind der Kreuzgarten und der Mariengarten Schaag nicht nur historische Gedenkorte, sondern lebendige Orte der Gemeinschaft. Sie verbinden Geschichte, Glauben, Kunst und Natur – und laden Menschen aus Schaag, Nettetal und weit darüber hinaus ein, innezuhalten, zu erinnern und Frieden zu spüren.

Der Kreuz- und Mariengarten ist ein einzigartiges Beispiel dafür, wie aus den Spuren des Krieges ein Ort der Hoffnung, Versöhnung und Zukunft entstehen kann.

Im Jahr 2020 hat die Nettetaler Firma Dropics mithilfe einer Drohne ein eindrucksvolles Video erstellt, das den restaurierten und wiederhergestellten Kreuz- und Mariengarten zeigt.